Zurück im Alltag

Viele Menschen fragen mich derzeit wie die Eingewöhnung nach dem langen Marsch nach Jerusalem ist. Immer wieder komme ich bei der Suche nach einer Antwort darauf ins stocken. Bin ich schon angekommen? Oder wieder unterwegs? Irgendwie exemplarische Fragen in der Zeit nach dem Weg nach Jerusalem.

Die Erwartungen eines besseren Lebens

Es gibt auch Momente in denen ich hinter den Fragen im Gespräch eine gewisse Erwartungshaltung entdecke. „Jetzt ist Peter sieben Monate nach Jerusalem gelaufen, das muss sich doch etwas in seinem Leben grundlegend ändern!“ Ich bin mir dabei nicht sicher ob diese Erwartung von Aussen kommt, oder ob ich sie selbst in das Gespräch projeziere und damit meine eigene zum Vorschein kommt. Doch der Einstieg in den Alltag ist so gar nicht spektakulär. Die täglichen Aufgaben und Pflichten haben mich wieder voll in sich aufgenommen. Arbeit, Putzen, Rechnungen bezahlen, Telefonate und andere Dinge geben ein enges Korsett, welches sicher jeder kennt. Es scheint da kaum eine Veränderung geben zu haben nach der langen Pilgerreise. Umso mehr steigt in mir wieder die Sehnsucht nach dem Pilgern auf. Mit meinem Leben bin ich sehr zufrieden, gerade als ich von Jerusalem nach Hause gekommen bin, ist mir das so richtig bewusst geworden. Ich habe mich auf die Schweiz gefreut, die Berge, die Menschen, unsere Freunde, meine Arbeit und die Wohnung. Ich kenne Menschen, den geht es nicht so und nach einer langen Pilgerreise kehren sie mit einem unguten Gefühl nach Hause zurück. Welch ein Segen, dass ich bereits ein gutes Leben habe. Dennoch vermisse ich bisweilen die Lebendigkeit im Korsett des Alltags. Das freie Einatmen von frischen Ideen und Inspirationen genauso wie das Abenteuer, das Unerwartete machen unser Leben reich an Gefühlen. An guten Tagen scheint uns Alles möglich zu sein. Wir Menschen lieben diese Momente und fühlen uns angezogen, von Geschichten die einen Weg aus der Enge unseres Alltags, unseres Herzens oder aus der Angst erzählen. Da werden Verletzungen geheilt, Trost gespendet und ein Neuanfang gewagt der unser Leben sofort verändert zum Guten. Wie oft habe ich eine solche Wende in meinem Leben bereits herbeigesehnt, um aus meinem guten Leben ein gigantisches Erlebnis zu machen, voller Freude, Lebendigkeit und Liebe. So spüre ich, dass die Erwartungen nach der Pilgerreise in mir doch recht hoch sind. Habe ich mit da zu viel erhofft? Aber ist bei Gott nicht alles möglich? Warum nicht jetzt?

Die Weisheit der Bäume

Neulich war ich auf dem Weg nach Hause Richtung Riggisberg unterwegs. Mit dem Fahrrad ging es das Gürbetal entlang und die letzten Kilometer führt die Strasse steil hinauf. Oben am Hang mache ich eine kurze Pause und steige ab. Mein Atem geht schwer nach der grossen Anstrengung. Ich liebe diesen Ort jenseits der grossen Strassen im Wald zwischen Feldern und einzelnen Bauernhäusern die sich in die Umgebung eingepflanzt haben. Zwischen den Ästen sieht man das Tal und an dessen Ende die mächtigen Berge des Berner Oberlands. An diesem Tag war es wie so oft in den letzten Wochen stürmisch. Wenn die Böen durch die Bäume zogen, gaben diese ein mächtiges Rauschen wieder, was nicht bedrohlich wirkte. Als ich die Augen schloss hörte ich die Geräusche wellenartig an mir vorbei ziehen, mal stärker werdend um danach wieder nach zu lassen. Nicht weit entfernt stehen Tannen. Diese verursachen bei Wind ein regelrechtes Zischen und so entstand aus den Böen und verschiedenen Tönen der Bäume ein echte Konzert. Mit geschlossenen Augen fühlte ich mich ans Meer versetzt um danach auf den Winden in den Himmel hinauf getragen zu werden. Dabei habe ich wohl meinen Kopf gehoben, denn als ich meine Augen wieder öffnete sah ich die Baumkronen im Winde wiegen. Die mächtigen Äste schwankten hin und her und wirkten dabei elegant und majestätisch, wie sie der Welt so zu winken. Ich stand eine ganze Weile da und beobachtete diese Lebendigkeit. Hier und da wirbelte ein Blatt herum und der Wind begann eine neue Strophe seines Liedes zu singen.

Gott ist keine Erfahrung

Das Bild dieser starken Bäume die sich vom Wind biegen lassen geht mir danach nicht mehr aus dem Kopf. Die ganze Atmosphäre hatte nichts chaotisches oder willkürliches sondern strahlte eine Klarheit aus, die mich fasziniert. Selbst die Blätter die herumwirbeln passen ins Gesamtbild des Augenblicks, als würden sie einem unbekannten Drehbuch folgen. Der Wind löst die Starre der Bäume auf und lässt die Äste wiegen, wie ein Boot auf den hohen Wellen des unruhigen Meeres. Wie oft bin ich an diesen Bäumen bereits vorbei gegangen und habe sie nicht wahrgenommen. Sie schienen starr und leblos zu sein – unverrückbar. Die Würde der Bäume besteht darin, den Winden elegant zu trotzen und sonst geduldig an ihrem Platz auszuharren. Es ist wie der Alltag, man nimmt die eigene Lebendigkeit nicht wahr, weil man selbst durch das Korsett unverrückbar scheint. Das Leben wird als ein Stillstand wahrgenommen. Die Kunst ist es dennoch innerlich lebendig zu bleiben, um bei auffrischenden Winden und gnadenlosen Stürmen nicht zu zerbrechen. Wer innerlich starr und unflexibel wird, der zerbricht an den Stürmen des Lebens. Ich selber in mir, spüre immer wieder eine gewisse Abneigung gegen das Alltägliche. In einer Welt, in der wir einer Überflutung an Reizen ausgesetzt werden wirken diese gewöhnlichen Dinge wie Hohn. Oft entziehen sie sich unserer Aufmerksamkeit, weil anderes sich in den Vordergrund spielt. Wer in einem Buchladen steht und sich die Zeit nimmt, einmal nur die Titel zu lesen, der versteht was ich meine. Es wird mit Sinnlichkeit, Humor, Angst oder harten Fakten um unsere Aufmerksamkeit gerungen, kein Platz für die Kirche im Dorf. Vielleicht glaube ich darum, dass das Leben immer aufregend und ein Feuerwerk an Gefühlen und Lebendigkeit sein muss. Dann denke ich, etwas stimmt nicht mit mir, wenn ich in der Gewohnheit meines Alltags bin, der kein Platz für Abenteuer bietet. Ich muss am Bild des Baumes erkennen, dass es gerade in der Begrenzung unseres Alltags darauf ankommt, das Herz weich zu halten und formbar für die Geheimnisse des Lebens, die sich eben nicht immer wie ein auffrischender Wind über uns ergiessen. Denn auch auf meiner Pilgerreise habe ich keine Erleuchtung bekommen, wie ich es mir immer gewünscht habe. Ein Glockenschlag oder eine Erscheinung, die mein Leben umkrempelt, obwohl die Bedingungen für eine solche Erfahrung unterwegs eigentlich perfekt waren. Doch nun begreife ich, dass ich in all dem nicht Gott suche, sondern die Erfahrung. Gott ist nicht eine übersinnliche Erfahrung, eine Vision oder eine Prophetie die Leben verändert, sondern er ist mehr. Er ist alles, erfahrbares und eben auch das, was wir nur im vertrauen annehmen können, weil es sich nicht im Äusseren zu erkennen gibt.

Ausgewogen

Wie oft suche ich das Erlebnis und nicht Gott. Wie oft will ich eine Erfahrung herbei zwingen ohne dabei auf das Gewöhnliche zu achten. Der Himmel ist nicht nur in den Sternstunden unseres Lebens da, sondern er ist eine Konstante, sichtbar, erlebbar oder nicht. Mich macht es schon fast traurig, dass ich diesen Glauben und das Vertrauen so wenig aufbringen kann. In der Bibel steht auch sinngemäss, wer im kleinen treu ist, dem wird grosses gegeben. So führt mich der Weg nach der Pilgerreise nicht mehr durch die spektakulären Landschaften, sondern auf gewohnten Pfaden um dem Geheimnis des Lebens genau dort zu dienen. Und es ist genau dort meine Aufgabe nicht zu erstarren und verkrampft nach dem Erlebnis mit Gott zu suchen, sondern innerlich flexibel zu bleiben und in sich zu ruhen. Dann kann uns der frische Atem des Lebens auch irgendwann ins Gesicht wehen, ohne dass wir daran zerbrechen. Ich glaube es braucht den Alltag, das Spannungsfeld zwischen dem Rausch und der Stille oder zwischen Erleben und dem Gelebten. Es ist irreführend zu glauben, dass ein Leben immer spannend und mitreissend sein sollte. Andererseits ist es auch nicht gut, wenn wir den Zugang zu unserem Alltag verlieren und in den Sorgen des gewöhnlichen Lebens in eine Art leblose Starre verfallen. Es braucht Beides, den Wind um uns zu strecken und zu dehnen, genauso wie die Stille des Alltäglichen. Für beides benötigen wir Aufmerksamkeit und Bewusstsein. So möchte ich nun lernen den Himmel als Realität zu erkennen, ob ich ihn gerade erfahren oder nicht. Mit ihm zu rechnen, obwohl alles um mich herum seinem normalen Gang folgt. Und wer weiss, vielleicht entdecke ich dabei mehr vom Geheimnis des Lebens als auf den höchsten Gipfeln der schönen Berge, von denen ich doch bloss einem abgehobenen Blick auf unsere Erde habe. Ich bin gespannt was da passiert.

PS: Veni Sancte Spiritus

PS: In jüngeren Jahren habe ich in einem Chor die Lieder von Taizé gesungen. Bis heute mag ich diese Gesänge sehr. Das charakteristische dieser Lieder aus der Communauté sind die ständigen Wiederholungen des gleichen und oft kurzen Textes. Sie bieten meist eine meditativen Grundbau für das gesungene Gebet. Wir haben in dieser Zeit auch „Veni Sancte Spiritus“ gesungen. Der Gesang besteht aus eben jenen drei Worten die in wenigen Tönen aneinander gereiht werden. Das hat mich als Jugendlichen oft gelangweilt, darum mochte ich dieses Lied so gar nicht. Seit einer Woche habe ich diese drei Worte mit den simplen Tönen immer wieder in meinem Herzen oder laut gesungen. Wenn man dieses Lied als Grundrythmus in den Gottesdiensten in Taizé singt, werden von Brüdern und Schwestern der Communauté noch einzelne Texte und Gebete als Solo darüber gesungen. Zusammen bekommt der Gesang einen himmlischen Charakter in dem sich mein Herz ganz Gott öffnen kann. Auch das ist für mich zum Bild geworden. Der kurze Text mit den Tönen muss gelernt werden, der Rythmus ist unser Alltag. Wenn wir uns darin innerlich vertiefen, geben wir dem Leben die Chance einen himmlischen Gesang darauf zu betten. Dazu braucht es uns in unserem Alltag und im gewohnten Rythmus. Beides für sich klingt nicht berauschend, doch zusammen werden die Töne zu einem Lobgesang der dem Ewigen angemessen ist. Ich liebe es einfach diese wenigen Töne zu singen, und damit dem Himmel und Gott die Möglichkeit zu schaffen es göttlich werden zu lassen. Sing den Alltag.

Peter Elstner


English Translation

Back in everyday life

Many people are asking me at the moment how it feels to settle in after the long march to Jerusalem. Again and again I get stuck in the search for an answer. Have I arrived yet? Or am I on the road again? Somehow exemplary questions in the time after the long march to Jerusalem.

Expectations of a better life

There are also moments when I discover a certain expectation behind the questions in the conversation. „Now Peter has walked to Jerusalem for seven months, something in his life must change fundamentally!“ I’m not sure if this expectation comes from outside, or if I myself project it into the conversation and thus my own comes out. But the entry into everyday life is not spectacular at all. The daily tasks and duties have taken me back into myself. Work, cleaning, paying bills, telephone calls and other things give a tight corset, which surely everybody knows. There seems to be hardly any change after the long pilgrimage. All the more the longing for the pilgrimage rises in me again. I am very satisfied with my life, and just when I came home from Jerusalem, I became really aware of it. I was looking forward to Switzerland, the mountains, the people, our friends, my work and my home. I know people who don’t feel that way, and after a long pilgrimage they return home with an uneasy feeling. What a blessing that I already have a good life. Nevertheless, I sometimes miss the liveliness in the corset of everyday life. The free inhalation of fresh ideas and inspirations as well as the adventure, the unexpected make our life rich in feelings. On good days everything seems possible. We humans love these moments and feel attracted by stories that tell a way out of the narrowness of our everyday life, our heart or out of fear. They heal wounds, give comfort and a new beginning that immediately changes our lives for the better. How often have I longed for such a change in my life, to make a gigantic experience out of my good life, full of joy, liveliness and love. So I feel that the expectations after the pilgrimage are quite high in me. Did I hope too much with this? But is not everything possible with God? Why not now?

The wisdom of the trees

The other day I was on my way home towards Riggisberg. By bike I went along the Gürbetal and the last kilometers the road is steep uphill. At the top of the slope I take a short break and get off. My breath is hard after the big effort. I love this place beyond the big roads in the forest between fields and single farmhouses that have been planted in the surroundings. Between the branches you can see the valley and at its end the mighty mountains of the Bernese Oberland. On this day it was stormy as so often in the last weeks. When the gusts went through the trees, they gave off a powerful murmur, which did not seem threatening. When I closed my eyes, I heard the sounds waving past me, sometimes getting stronger and then fading away again. Not far away there are fir trees. These cause a real hissing sound when the wind blows and the different sounds of the trees create a real concert. With my eyes closed I felt transported to the sea and then carried up into the sky on the winds. I must have lifted my head, because when I opened my eyes again I saw the treetops swaying in the wind. The mighty branches swayed back and forth, seeming elegant and majestic as they waved to the world. I stood there for quite a while and observed this liveliness. Here and there a leaf whirled around and the wind began to sing a new verse of his song.

God is not an experience

The image of these strong trees that can be bent by the wind never goes out of my mind afterwards. The whole atmosphere had nothing chaotic or arbitrary but radiated a clarity that fascinated me. Even the leaves swirling around fit into the overall picture of the moment, as if they were following an unknown script. The wind dissolves the rigidity of the trees and makes the branches sway, like a boat on the high waves of the restless sea. How often have I walked past these trees and not noticed them. They seemed to be rigid and lifeless – immovable. The dignity of the trees consists in defying the winds elegantly and otherwise patiently holding out in their place. It is like everyday life, one does not perceive one’s own liveliness because one seems immovable even through the corset. Life is perceived as a standstill. Nevertheless, the art is to stay alive inside, so as not to break in the refreshing winds and merciless storms. Whoever becomes rigid and inflexible inwardly, breaks at the storms of life. I myself, inside myself, feel again and again a certain aversion to the everyday. In a world in which we are exposed to a flood of stimuli, these ordinary things seem like mockery. Often they elude our attention, because other things play themselves into the foreground. If you stand in a bookstore and take the time to read just the titles, you understand what I mean. Sensuality, humour, fear or hard facts are used to attract our attention, no place for the church in the village. Maybe that’s why I believe that life must always be exciting and a firework of feelings and liveliness. Then I think something is wrong with me when I am in the habit of my everyday life, which has no room for adventure. I have to recognize from the image of the tree that it is precisely in the limits of our everyday life that it is important to keep our hearts soft and malleable for the secrets of life, which do not always pour over us like a refreshing breeze. Because even on my pilgrimage I have not received the enlightenment I have always wished for. A chime of a bell or an apparition that turns my life upside down, although the conditions for such an experience on the way were actually perfect. But now I understand that in all this I am not seeking God, but the experience. God is not a supernatural experience, a vision or a prophecy that changes lives, but he is more. He is everything that can be experienced and also that which we can only accept in trust, because it is not possible to recognize Himself in the outward appearance.

Balanced

How often do I seek the experience and not God. How often do I want to force an experience without paying attention to the ordinary. Heaven is not only there in the great moments of our lives, but it is a constant, visible, experiencable or not. It almost makes me sad that I can muster so little faith and trust. The Bible also says that whoever is faithful to the small, great things are given to him. So the way after the pilgrimage no longer leads me through spectacular landscapes, but along familiar paths to serve the mystery of life right there. And it is precisely there that my task is not to freeze up and tense up in my search for the experience with God, but to remain inwardly flexible and to rest in myself. Then the fresh breath of life can blow in our face at some point without us breaking. I think it needs the everyday life, the tension between intoxication and silence or between experience and what is lived. It is misleading to believe that life should always be exciting and rousing. On the other hand, it is also not good if we lose access to our everyday life and fall into a kind of lifeless rigidity in the worries of ordinary life. It takes both, the wind to stretch and stretch us, as well as the silence of the everyday. For both we need attention and awareness. So now I want to learn to recognize the sky as reality, whether I am experiencing it or not. To reckon with it, even though everything around me follows its normal course. And who knows, maybe I will discover more of the mystery of life than on the highest peaks of the beautiful mountains, from which I only have a distant view of our earth. I am curious what happens there.

PS: Veni Sancte Spiritus

PS: In my younger years, I sang the songs of Taizé in a choir. I still like these songs very much today. The characteristic of these songs from the community is the constant repetition of the same and often short text. They usually provide a meditative foundation for the sung prayer. During this time we also sang „Veni Sancte Spiritus“. The chant consists of those three words, which are strung together in a few notes. I was often bored by this as a young person, that is why I did not like this song at all. Since one week I have sung these three words with the simple tones again and again in my heart or loudly. When this song is sung as a basic rhythm in the services at Taizé, brothers and sisters of the community still sing individual texts and prayers as a solo over it. Together, the singing takes on a heavenly character in which my heart can open itself completely to God. That too has become an image for me. The short text with the sounds has to be learned, the rhythm is our everyday life. If we deepen inwardly in it, we give life the chance to pray a heavenly song on it. For this we need to be in our everyday life and in the rhythm we are used to. Both by themselves do not sound intoxicating, but together the tones become a song of praise appropriate to the eternal. I simply love to sing these few tones, and to give heaven and God the opportunity to make it divine. Sing the everyday.

Peter Elstner