Gedanken zum Fest

Es ist der 22. Dezember, der 4. Advent in diesem Jahr und noch zwei Tage bis Weihnachten. Auf meinem Weg zu Fuss von der Haustüre nach Jerusalem, laufe ich gerade die letzte Etappe vor der Grossstadt Konya in der Türkei. Es ist eine der anstrengenden Etappen, die mich über karge sandige Berge führt. Genauso habe ich mir das immer vorgestellt denke ich bei mir.

Wie aus dem Bilderbuch

Mein Blick geht hinunter auf ein Dorf Namens Tatköy. Es ist an einem jener kargen und felsigen Bergspitzen gelegen, die mich schon die vergangenen zwei Tage begleitet hsben, hier im Taurus-Gebirge. Der gelbliche Grundfarbton im Gestein und der sandige Boden, der kaum grün zulässt machen das Bild irgendwie perfekt für mich. Auch heute war die Nacht wieder frostig kalt gewesen, denn die trockenen Halme und die Blätter am Boden hatten kleine Kristalle getragen, die sich im Laufe des Vormittags allerdings verflüchtigt haben. Ich habe auf meinem Weg schon häufig auf solchen Höhen oder in der Einöde, Hirten dabei beobachtet wie sie ihre Tiere über die trostlos wirkende Umgebung führen. Dabei kauen die Schafe dennoch immer wieder an den trockenen Pflanzen und geben sich ohne Weiteres damit zufrieden. Auch wenn es überraschend viel Grün in der Türkei gab, so sind solche Szenerien, wie ich sie gerade beschreibe für mich besonders eindrucksvoll. Die Stille, nur das Pfeifen des Windes ist zu hören, die Kälte, das Dorf und die Landschaft mit dem Berg sind eine perfekte Kulisse. So habe ich mir als Kind immer die Gegend um Bethlehem zu Jesu Geburt vorgestellt. Die Hirten auf dem Feld, irgendwo zwischen Bergspitzen und dem Dorf, das Licht und der Lobgesang der Engel, der durch der Berge Widerhall an Kraft gewinnt werden vor meinem inneren Auge sichtbar. Was für eine Nacht war das wohl. Versteckt vor den Toren der Grossstadt Jerusalem, passiert etwas unglaubliches.

So habe ich mir Bethlehem immer vorgestellt

Das Privileg zu gehen

Maria und ich haben unterdessen auf dem Weg häufig die Erfahrung gemacht, dass durch schwere Etappen immer wieder Dinge verarbeitet werden. Besonders Bergetappen führen uns an die Grenzen im körperlichen, aber auch im Inneren. Das Schwitzen, durch die Anstrengung, entgiftet den Körper von Schadstoffen und so wird auch die Seele gereinigt von altem Ballast. Der Geist, die Seele und der Körper sind eben eins. Vielleicht ist das auch das ganze Geheimnis des Pilgerns, welches nicht nur in der christlichen Tradition Eingang findet, denn seit ein paar Tagen verläuft die Route nach Jerusalem entlang des muslimischen Sufistrails. (muslimischer Pilgerweg von Istanbul nach Konya) Die Innere Reinigung, durch körperliche Ertüchtigung anzukurbeln ist also durchaus bekannt. Heute hat mich diese innere Reinigung wieder völlig überrascht, denn ich habe unterwegs vier mal weinen müssen. Aus heiterem Himmel und einfach so. Klar ich bin „nahe am Wasser gebaut“, wie man so schön sagt, doch war es ungewöhnlich. Die Tränen flossen, ohne dass ich traurig war oder hoch erfreut. Ich war unterwegs und denke an nichts besonderes und die Tränen suchen ihren Weg über die Wange nach unten. Kein von aussen sichtbarer Grund und auch keine innere Einsicht haben diese offensichtlich zum Fliessen gebracht. So laufe ich meinen Weg nach Jerusalem, über die Berge des Taurus, an diesem Tag mit Tränen in den Augen, die dennoch nicht schmerzhaft sind. Ich denke nur bei mir, wenn ich mich doch mehr anrühren lassen kann in meinem Leben, dann wäre viel getan. Denn der Pilgerweg zeigt mir eines – im Angesicht Gottes zerbreche ich nicht. Das Privileg zu gehen, macht diese Erfahrung möglich.

Interreligiöses Pilgern

Anrühren lassen

Wer die Weihnachtsgeschichte kennt, der weiss, dass sie voll ist mit Menschen die sich anrühren lassen. Die Hirten lassen sich nicht von einer grossen Erklärung oder Predigt bewegen, sondern sie sind angerührt von dem was ihnen die Engel sagen, auch wenn es unmöglich klingt. Ja vielleicht haben ihre offenen Herzen auch den Widerhall der himmlischen Heerscharen ermöglicht und nicht die nahen Berge. Anrühren lassen, heute habe ich das Gefühl ich habe das bisher zu wenig getan. Es geht nicht um Gefühlsduselei oder um Sentimentalität sondern viel mehr auf das Gespür für das Leben. Vielleicht wollte ich in meinem Leben immer nur die guten Nachrichten hören und habe mich den schlechten gegenüber verschlossen. Doch auch der Lobgesang war einmal zu Ende und was als Hoffnung in der Krippe begann wurde führte zum Tod am Kreuz. Das Leben hat keine einfache Botschaft. Es ist nicht so wie in der Werbung, wo uns alles einfach gemacht wird. Doch wenn ich mich vom Leben anrühren lassen, dann bekomme ich das Gespür worin die Hoffnung unseres Weges besteht. Das Kind in der Krippe sagt mir eins, die Hoffnung liegt nicht in der verstandesgemässen Stärke dieser Welt sondern in dem was ich als gering und schwach einschätze. Die nächste Nacht war wieder Dunkel und Kalt in Bethlehem, auch der Himmel war nicht mehr erfüllt von Gesang und Licht und so wird auch in meinem Leben nicht jeden Tag die Sonne scheinen oder ein Jubel sein. Doch angeführt vom Leben kann ich weinen und lachen und beides wird mich nicht brechen. Ja selbst der Tod wird mich vielleicht nicht schrecken können, denn die Hoffnung überdeckt die Schrecken.

Angerührt vom Erlebten

Da berühren sich Himmel und Erde

Ich will nicht mehr alles Wissen, sondern mich anrühren lassen von jener Weisheit die hinter allem Steckt. Was genau in jener heiligen Nacht geschah weiss ich nicht, doch die Weisheit liegt nicht im genauen Tat Hergang sondern im Gespür für das Leben, welches sich in dieser Geschichte zeigt. Gott wird Mensch. Nicht wir Menschen erreichen den Himmel, trotz unserer Bemühungen, sondern der Himmel kommt zu uns. Es ist das ewige Licht, dass sich hier auf unerklärliche Weise zeigt. Und wenn ich mich von diesem Licht anrühren lasse, dann bin ich nicht mehr nur physisch auf dem Weg nach Bethlehem sondern auch im Herzen. Auf welche Art das Licht zu mir spricht, das weiss ich nicht. Jesus konnte auch nur Wunder tun wo die Menschen glauben hatten. Wo sie Dinge die eigentlich unmöglich erscheinen für möglich hielten. Das Licht bindet sich nicht an religiöse Ordnungen sondern zeigt sich dem, der sich anrühren lässt, der sich öffnen kann.

Mehr Platz für das Licht im Herzen

Grosse Worte neu entdecken

Auf dieser Reise spricht alles zu mir. Die Berge, die Steine, das scheinbar öde Land hat eine Botschaft für mich, es deutet über sich hinaus zum Leben hin. Die einzige Botschaft die mir Weihnachten also geben kann ist, die Nachricht der Liebe die zum Leben führt. Wobei ich Worte Liebe und Leben nicht mit meinen eigenen Vorstellungen begrenzen möchte. Ich will mich vom Licht anrühren lassen und diese beiden überstrapazierten Worte neu entdecken, denn sie sind mehr als je ein Mensch je zu träumen gewagt hat und auch mehr als wir mit unserem Verstand in Worte giessen können.

Weihnachtswunsch

Jetzt habe ich doch wieder mehr geschrieben als ich wollte und irgendwie es doch nicht auf den Punkt gebracht. Meine Eindrücke und meine Art zu verarbeiten lassen es wohl nicht zu. Wenn ich einen Wunsch habe zu Weihnachten, dann ist es dieser, dass ich ein reines und offenes Herz habe, dass dem ewigen Licht (Gott) eine Möglichkeit bietet um zu strahlen. Denn in dieser Welt gibt es noch zu viel Dunkelheit.

Pilgern ist ein Privileg

Frohe Weihnachten euch allen.


English Translation

It is December 22nd, the 4th Advent this year and there are still two days until Christmas. On my way on foot from the front door to Jerusalem, I am walking the last stage before the big city of Konya in Turkey. It is one of the most exhausting stages, which leads me over barren sandy mountains. This is exactly how I always imagined it would be, I think to myself.

Like in a picture book

My view goes down to a village called Tatköy. It is situated on one of those barren and rocky mountain tops that have accompanied me the last two days, here in the Taurus Mountains. The yellowish ground colour in the rock and the sandy soil, which hardly allows green, make the picture somehow perfect for me. Also today the night had been frosty cold again, because the dry stalks and the leaves on the ground had carried small crystals, which however evaporated in the course of the morning. On my way I have often seen shepherds on such heights or in the wilderness leading their animals over the desolate looking environment. Nevertheless, the sheep chew on the dry plants again and again and are satisfied with it without further ado. Even though there was a surprising amount of green in Turkey, the kind of scenes I am describing right now are particularly impressive to me. The silence, only the whistling of the wind can be heard, the cold, the village and the landscape with the mountain are a perfect scenery. This is how I always imagined the area around Bethlehem when Jesus was born. The shepherds in the fields, somewhere between the mountain tops and the village, the light and the angels‘ song of praise, echoing through the mountains, are visible before my inner eye. What a night it must have been. Hidden at the gates of the great city of Jerusalem, something incredible happens.

The privilege to walk

Meanwhile, Maria and I have often made the experience on the way that through difficult stages things are always being processed. Especially mountain stages lead us to the limits of our physical, but also inner limits. Sweating, due to the effort, detoxifies the body from harmful substances and so the soul is also cleansed from old ballast. The mind, the soul and the body are one. Perhaps this is also the whole secret of pilgrimage, which is not only in the Christian tradition, because since a few days the route to Jerusalem runs along the Muslim Sufi trail. (Muslim pilgrimage from Istanbul to Konya) The inner cleansing, to be stimulated by physical exercise, is therefore quite well known. Today this inner purification surprised me completely again, because I had to cry four times on the way. Out of the blue and just like that. Of course I am „built close to the water“, as they say, but it was unusual. The tears flowed without me being sad or delighted. I was out and about and I don’t think of anything special and the tears are searching their way down my cheek. No reason visible from the outside and no inner insight obviously made them flow. So I walk my way to Jerusalem, over the mountains of Taurus, on this day with tears in my eyes, which are nevertheless not painful. I think only with myself, if I can be touched more in my life, then much would be done. Because the pilgrimage shows me one thing – in the face of God I do not break. The privilege of walking makes this experience possible.

Let it be touched

Those who know the Christmas story know that it is full of people who let themselves be touched. The shepherds are not moved by a big explanation or sermon, but they are touched by what the angels tell them, even if it sounds impossible. Yes, perhaps their open hearts have also made possible the echo of the heavenly hosts and not the nearby mountains. Let them be touched, today I have the feeling that I have done this too little. It is not about sentimentality or sentimentalism but much more about the feeling for life. Maybe I always wanted to hear the good news in my life and closed myself to the bad. But also the hymn of praise once came to an end and what began as hope in the manger led to death on the cross. Life has no simple message. It is not like in advertising, where everything is made simple for us. But when I let myself be touched by life, then I get a sense of what the hope of our way is. The child in the manger tells me one thing, the hope is not in the strength of this world according to my mind, but in what I consider to be low and weak. The next night was again dark and cold in Bethlehem, the sky was no longer filled with song and light, and so the sun will not shine or rejoice every day in my life. But led by life I can cry and laugh and both will not break me. Even death will perhaps not be able to frighten me, for hope covers the horrors.

That’s where heaven and earth meet

I no longer want all knowledge, but to be touched by the wisdom that is behind everything. I don’t know what exactly happened that holy night, but the wisdom is not in the exact act but in the feeling for life, which is shown in this story. God becomes man. It is not we humans who reach heaven, despite our efforts, but heaven comes to us. It is the eternal light that shows itself here in an inexplicable way. And when I let myself be touched by this light, then I am no longer only physically on the way to Bethlehem, but also in my heart. In what way the light speaks to me, I do not know. Jesus could only do miracles where people believed. Where they thought things that seemed impossible were possible. The light does not bind itself to religious orders but shows itself to the one who lets himself be touched, who can open himself. Rediscovering great words Everything on this journey speaks to me. The mountains, the stones, the seemingly barren land has a message for me, it points beyond itself to life. So the only message Christmas can give me is the message of love that leads to life. Whereby I do not want to limit words of love and life with my own ideas. I want to let myself be touched by the light and rediscover these two overused words, because they are more than any human being has ever dared to dream and also more than we can put into words with our mind.

Christmas wish

Now I have written more than I wanted to and somehow I didn’t get it to the point. My impressions and my way to process them probably do not allow it. If I have one wish for Christmas, then it is that I have a pure and open heart, which offers the eternal light (God) a possibility to shine. Because in this world there is still too much darkness.

Merry Christmas to you all.